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Zusammenfassung

Weniger Verkehr durch Umnutzung innerstädtischer Brachen?
Wirkung der Verteilung von Arbeitsplatzstandorten auf die Erreichbarkeit in schrumpfenden Stadtregionen.

Problemstellung
Durch den wirtschaftlichen Strukturwandel in Deutschland, von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, durch neue ökonomische Denkweisen ehemaliger staatlicher Institutionen wie Telekom, Post und Bahn aber auch durch die Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft in den neuen Bundesländern, liegen viele altindustrielle Flächen in Innenstadtnähe brach. Parallel zum Auftreten der Brachflächen in den Städten kommt es zur Ausweisung neuer Industrie- und Gewerbegebiete auf der „grünen Wiese“. Die Folgen sind eine Zersiedlung der Stadtlandschaft und damit einhergehend steigende Kosten für die Mobilität.

In der Untersuchungsregion Halle-Leipzig können aus oben genannten Gründen zahlreiche Industriebrachen in den Kernstädten nachgewiesen werden.
Die Vorteile innenstadtnaher Brachen gegenüber der grünen Wiese sind vielfältig. So weisen diese Flächen häufig nur geringen ökologischen Nutzen auf, Strom, Wasser- und Abwasseranschluss sind vorhanden, bzw. können mit geringen Kosten modernisiert werden. Weiter liegen die Industriebrachen meist direkt an Durchgangsstraßen und sind häufig an das Schienennetz angebunden.
Für eine Wohnnutzung kommen diese Flächen nicht in Betracht, da durch die erwähnte Lage an größeren Straßen, dem Schienennetz oder weiterhin genutzten Industrie- und Gewebeflächen mit Lärm- und Abgasbelästigung zu rechnen ist. In Schrumpfungsregionen sind diese Lagen als Wohnstandort kaum vermarktungsfähig. Als Standort für die Ansiedlung von Arbeitsplätzen sind diese Flächen jedoch gut geeignet. Vor allem vor dem Hintergrund der ansteigenden Fahrleistungen im Berufsverkehr kann davon ausgegangen werden, dass innenstadtnahe Brachen dazu beitragen können das Verkehrs- vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln.

Ergebnisse
Zur Untersuchung wurden verschiedene Indikatoren genutzt. Die Analyse der Erreichbarkeit von Arbeitskräften in der gesamten Region Halle-Leipzig wurde mit Hilfe des Potenzialindikator (gravity-based indices) umgesetzt. Die Erreichbarkeit der Arbeitskräfte für ausgewählte Brachenstandorte mit dem Reisezeitbudgetindikator (isochronic indices). Es konnte nachgewiesen werden, dass trotz der fortgeschrittenen Suburbanisierung von Wohnbevölkerung und Arbeitsplätzen die Innenstädte von Leipzig und Halle die höchsten Erreichbarkeitswerte der Untersuchungsregion generieren.

Zu Begründen sind diese Ergebnisse mit der immer noch starken Ballung der Arbeitsplätze und arbeitsfähigen Bevölkerung in den Großstädten und der auf die Zentren ausgerichteten Verkehrsinfrastruktur. Es konnte nachgewiesen werden, dass die innerstädtischen Brachen gegenüber den Vergleichsgruppen von suburbanen Flächen als Arbeitsplatzstandort Erreichbarkeitsvorteile generieren und sowohl die durchschnittlichen Reisezeit als auch der durchschnittlich zurückgelegten Reiseweg der potenziellen Beschäftigten geringer ist (vgl. dazu Abbildung 1).

Weiter wurden Szenarien bis zum Jahr 2020 erarbeitet, diese erlauben die Aussage, dass die Erreichbarkeit der Oberzentren vor dem Hintergrund des demographischen Wandels weiter steigen wird. Die Nutzung innerstädtischer Standorte wird somit auch in Zukunft weniger Verkehr in der Region initiieren als Standorte auf der grünen Wiese.
Die Wiedernutzung innerstädtischer Industriebrachen als Standort für Büro- oder Gewerbeniederlassungen kann somit nachhaltig dazu beitragen die Reisezeiten und Reisewege im Berufsverkehr zu reduzieren und somit das Verkehrs- vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln.

Empfehlungen
Die Gebietskörperschaften sollten regionale Flächennutzungspläne erstellen und das Potenzial der Brachflächen mit einbeziehen – diese Flächen müssen künftigen Investoren als ressourcenschonende Alternative zur grünen Wiese angeboten werden.
Vor allem Unternehmen mit hohen Mitarbeiter- oder Besucherzahlen können von der Lage in den Städten und der guten Anbindung profitieren. Für Unternehmen der Logistikbranche oder produzierende Unternehmen mit hohen Emissionen an Lärm und anderen Verunreinigungen sind städtische Standorte weniger geeignet. Hier müssen auch weiterhin Standorte am Stadtrand oder in Autobahnnähe bevorzugt angeboten werden.

Abbildung: Darstellung des durchschnittlichen Reiseaufwandes aller potenziellen Arbeitskräfte im Einzugsgebiet von max 30 min Reisezeit zu ausgewählten Brachflächen (Eigene Abbildung)

Abb_Dip_Jeschke

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